Bürokram
Musen sollen gefälligst aufhören mich zu küssen.
Die sollen den Bürokram machen.
Katz & Goldt
 

Archiv für September 2008

Macht & Geld 
Wundervolle Bankenkrise | 27/09/2008
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Für den Deutschen an sich hat es wohl seit vielen, vielen Jahren kein schöneres Ereignis mehr gegeben als die aktuelle Finanzkrise, die ihr klebriges Netz rund um den Globus spinnt. Sicher, sie kostet Nerven, Geld und am Ende wohl auch tausende von Arbeitsplätzen. Doch sie nutzt uns mehr, als wir vielleicht denken. Denn: Jeder von uns – glaubt man Schuldnerberater Peter Zwegat – hat durchschnittlich 8500 Euro Schulden. Gut, mit Sicherheit nicht die ganze Summe bei der Hausbank, aber einen gewissen Teil doch sicherlich. Als Dispo‑ oder Ratenkredit, als Hypothek, als Darlehen. Den Rest, für den einmal in der Woche die Buben von Moskau Inkasso vor der Tür stehen, vernachlässigen wir für unsere Rechnung der Einfachheit halber einmal.
 
Nun wäre es doch wünschenswert, wenn die US-Krise auch die deutschen Banken mit in den Abgrund reißen würde. Mit einem Schlag wären wir alle ein Stück unserer Sorgen los. Und die, auch das weiß Zwegat, führen schließlich nicht nur zu Ebbe im Portemonnaie, sondern auch zu psychischen und sozialen Problemen. Bis hin zu Drogenkonsum, Selbstmord oder gar Ehekrach.
 
Wundervolle Bankenkrise. Wenn es doch nur so einfach wäre. Denn leider sind die 8500 Euro eben nur ein durchschnittlicher Wert. Und auf den sollte man nicht all zu viel geben. Glaubt man nämlich nicht nur Zwegat, sondern auch der Zeitung »Die Welt», haben wir alle gar keine Schulden. Im Gegenteil. Ich und Du und Sie und er haben im Mittel 58.000 Euro auf der hohen Kante. Wie das gehen kann, gleichzeitig verschuldet und derart vermögend zu sein, das ist einer der Tricks von Statistiken und steht auf einem anderen Blatt. Jetzt muss ich aber erstmal zu meiner Bank, meine 58.000 Euro retten. Bevor die Finanzkrise auch bei uns durchschlägt.
 
Foto: Photocase | joexx


 
Digipop 
Alles in schönster Ordnung | 24/09/2008
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Es soll Menschen geben, die gehen ohne Listen nicht mehr aus dem Haus. Und da geht es nicht nur um Klassiker, die Einkaufsliste etwa. Es soll Menschen geben, die haben für alles Listen, sogar für Listen. Vielleicht sogar nach Prioritäten geordnet und zur Not noch eine Prio-Liste für die Prio-Listen. Lange Zeit gab es, wenn ich mich an etwas unbedingt erinnern musste, ein probates Mittel. Es war preiswert und praktisch, sogar ästhetisch akzetabel und mobil: Post-Its. Heute aber schreiben Menschen keine Listen mehr. Sie betreiben Selbstmanagement.
 
Eigentlich bedeutet das nichts anderes, als sich selbst in den Arsch zu treten. Das Management zu nennen, ist clever, denn es klingt modern, effektiv, sauber. Und natürlich kann man das nicht mehr mit Stift und Zettel machen. Also haben findige Erfinder Tools erfunden, die das Modell »Getting Things Done« von David Allen für den Selbstmanager in die Realität umsetzen. Einfach gesprochen: Der von seinen Aufgaben und Ideen überforderte Mensch notiert sich alles Wichtige, und ein entsprechendes System stellt für ihn Verknüpfungen und Kontexte her. Und: Es tritt ihm in den Arsch. (Weiterlesen …)


 
Digipop 
Marshmallows und Haarausfall | 23/09/2008
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Das ist Nikki. Nikki Grahame. Nikki wurde – das erkennt man an ihrem reizenden Akzent – nordwestlich von London geboren, war vor zwei Jahren bei der britischen Ausgabe von »Big Brother« dabei und wurde spätestens mit ihrer eigenen Fernsehshow »Princess Nicci« zur Inselberühmtheit. Und Nikki hat Fragen. Zum Beispiel diese: Wer erfindet eigentlich was und vor allem: warum? Oder diese: Wie kann es eigentlich sein, dass ein Telefon funktioniert, eine MMS oder ein Flugzeug? Nikki macht sich Gedanken über Erfindungen, und zwar auf der neuen Plattform »Wordia», die in Zusammenarbeit mit so prominenten Institutionen wie Harper Collins oder dem National Literacy Trust entstanden ist.
 
Über allem steht der etwas prahlerische Slogan »We’re redefining the dictionary«. Prahlerisch deshalb, weil Wordia eigentlich genauso funktioniert wie Wikipedia. Das Ganze ist ein Mitmachwörterbuch, es wächst durch die Beiträge der Nutzer. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Denn Wörterbuch ist nicht gleich Wörterbuch. Bei Wordia heißt das Prozedere: Dich interessiert ein Begriff? Ein bestimmtes Wort hat eine ganz besondere Bedeutung für Dich? Schnapp Dir eine Videokamera, »definiere« den Begriff und schicke das Video an Wordia. Und damit nicht nur Nutzer ihre Videos einschicken, hat Wordia auch einige »Prominente« eingeladen, ihre Lieblingsbegriffe zu erklären. So wie Nikki.
 
Damit macht das Projekt eben gerade nicht Wikipedia oder gar großen Enzyklopädien Konkurrenz. Wordia scheint eher zum Stöbern gedacht, vielleicht auch zu Stolpern. Denn der Reiz liegt nicht darin, dass man hier Wörter erklärt bekommt, sondern darin, wie. Die Subjektivität, der Charme der Teilnehmer, ihre Sicht etwa auf Haarausfall, Marshmallows oder den Kater (den am Morgen) ist manchmal erschütternd, manchmal skurril, manchmal einfach schön. Und manchmal ist es eben auch der Akzent. Wie bei Nikki.
 
Foto: Screenshot


 
Unterwegs 
Unterwegs | 22/09/2008
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UnterwegsDas Leben ist immer woanders, einen Häuserblock, eine Haltestelle, ein Land weiter. Vielleicht auch deshalb sind Menschen so gerne unterwegs, weil sie ständig suchen. Nach einem Leben. Und da Menschen ihr Leben derzeit auch noch unheimlich gerne anderen mitteilen, ist – ganz prosaisch gesprochen – das mobile Bloggen so beliebt. Denn so wird diese Suche zum Plot für das eigene Drehbuch, und an diesem Leben da draußen können plötzlich mehr oder weniger viele Fremde teilhaben. Da draußen lauert aber nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Leben von Millionen anderen, es lauern Begegnungen, Geschichten, Beobachtungen.
 
Auch für das iPhone, sozusagen die Eier legende Wollmilchsau des modernen Menschen auf Achse, gibt es eine kleine Anwendung, die das Bloggen mittels WordPress erlaubt. Und obwohl ich das Platzieren selbst geschossener Fotos in einem Artikel noch nicht hinbekommen habe (sie landen immer unter dem Artikel und zerschießen mir mein ohnehin noch fragiles Layout), bin ich ganz hin und weg. Bis auf Weiteres gibt es also ein Symbolfoto für Geschichten von unterwegs, die Hoffnung auf das nächste Update und den schönen Satz des Heidedichters Hermann Löns: »Zukünftig wird es nicht mehr darauf ankommen, dass wir überall hinfahren können, sondern, ob es sich lohnt, dort anzukommen.« Löns Tagebuch übrigens, das er im Ersten Weltkrieg geführt hat, ist deshalb so spät entdeckt worden, weil es »eine vergilbte, verschmierte Wachstuch-Kladde« war, »mit blassem Bleistiftgekritzel gefüllt«. Ach hätte Herr Löns doch schon bloggen können.
 
Foto: iStockphoto


 
Leben 
Ab heute | 21/09/2008
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Es wird Herbst und ich fange wieder an zu bloggen. Eigentlich kann da kein Zusammenhang bestehen. Herr und Frau Langeweile stehen derzeit recht selten vor meiner Tür, und selbst an kalten, trüben Tagen liegen meist noch genügend Dinge auf einem meiner Tische, als dass ich unbedingt auch noch in meiner Freizeit schreiben müsste. Und doch: Da ist es, dieses neue, so herrlich leere, inzwischen dritte Weblog. Vielleicht sollte ich gar nichts hineinschreiben, vielleicht ist sein Charme umso größer, desto mehr noch vor mir liegt. Doch das ist wohl die Herausforderung, diesen Punkt hinauszuzögern, an dem die Zeit, die Ideen und die Ausdauer nicht mehr reichen, um diesem nimmersatten kleinen Viech den Wanst vollzuschlagen.
 
Vielleicht sind aber auch an die Anderen Schuld, all diejenigen, die ihre und meine Zeit damit verschwenden, ihre Blogs so lieblos mit Zitaten, Links und fremden Geschichten zuzukleistern. Gute Weblogs, in denen Autoren eigene Geschichten, eigene Artikel schreiben und eigene Meinungen verkünden, finde ich jeden Tag seltener. Vielleicht ist das der Zeitgeist? Dass Schnipsel alles sind? Hier ein Schnipsel aus meinem Bett, hier ein Schnipsel vom Strand, hier ein getwitterter Schnipsel (wobei ich zugeben muss dass ich Twitter liebe und mich jetzt schon drauf freue), hier einer aus meiner Blogroll. Jetzt kennst Du mich. Danke.
 
Es wäre idiotisch, jetzt schon zu behaupten, ich würde all das besser machen. Aber wollen will ich es. Denn das hier ist mein Blog, hier ist kein Platz für kopiertes Leben. Auch, wenn es sich noch ein wenig anfühlt wie frisch umgezogen, die erste Beule am Knie, weil man noch nicht weiß, wo die Lichtschalter sind, der Kühlschrank noch leer, die Nachbarn noch fremd. Und doch – dies ist mein Platz. Denn da draußen passiert viel zu viel. Jeden Tag.
 
Ab heute.
 
Foto: Photocase | Jonicore


 
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